Ein doppeltes Lesevergnügen

Ein doppeltes Lesevergnügen: Wolfgang Staudt: DIE 100 BESTEN WEINE DER WELT

Na so was! Schon wieder ein Weinbuch. 399 Seiten stark. Auf dem Schutzumschlag gezogene Korken. Und dann noch in normalem Format (22 x 14,5 cm), also ohne die üblichen Bildtafeln und großflächigen Gebietskarten. Also schon wieder.... Nein! Der erste Eindruck täuscht gewaltig und wenn man sich in die scheinbar nüchtern geschriebenen Kapitel einliest, stellt man nach wenigen Augenblicken fest, dass man gar nicht mehr aufhören mag, den 100 besten Weinen der Welt auf die Spur zu kommen.

Staudt erstellt keine neunmal klugen Hitlisten, die allesamt von geringer, weil von den berühmten verschiednen Geschmäckern abhängig, Haltbarkeit und Gültigkeit sind. Die sympathischste Anmerkung des promovierten Autors, der sein fundiertes Wissen auch in Seminaren und Tastings offen legt, mach er gleich im Vorwort, dort wirkt es wie ein Motto. Allein entscheidend ist für den Dozenten, das, was der Leser und ab einem gewissen Zeitpunkt dann auch ausgewiesene Weinkenner, bzw. dessen Zunge und Gaumenplatte erfahren und wahrnehmen. Und das kann ein langer wunderbarer Entwicklungsprozess sein. So schreibt er zu Anfang dieses lehrreichen und sofort auch unterhaltsam daher kommenden Buches: „Seien Sie selbstbewusst im Umgang mit Wein und vertrauen Sie vor allem Ihrer eigenen Nase, Ihrem eigenen Gaumen. Dort muss es passen, egal, was Händler, Kritiker oder Sommeliers dazu sagen.“ Illustriert mit einfachen Gebietskarten und Beispielen von Weinetiketten, was in diesem Fall völlig ausreicht.

Staudt schreibt mit leichter Hand, beschreibt, ohne jede Überheblichkeit, mit fundiertem Fachwissen, das über die bloßen önologischen und weinbauhistorischen Fakten hinausreicht, was eine Rebsorte ausmacht, wie differenziert das Geschmacksprofil ausfallen kann. Oder über die verschiedenen Lager- und Gärmethoden und worin sie sich unterscheiden und wie sich all dies danach auf der Zunge, im Gaumenbereich des –von Seite zu Seite zunehmend weinweisen- Lesers- darstellen wird. Auch die knapp gefassten Empfehlungen von passenden Speisen fehlen nicht, ebenso wie Preistabelle, Glossar und Aromatabellen.

Sehr hilfreich und sicher auch dem Profil eines kommenden Weinkenners förderlich sind die Empfehlungen von typischen Gewächsen, aber auch der Blick über den Glasrand hinaus auf andere artverwandte Weine. So kann der Leser sein ganz individuelles Geschmacksuniversum zu kreieren. Im Wein liegt ja die Wahrheit. Wie die aussieht, kann jeder, der durch die Lektüre dann Schluck für Schlückchen zum Kenner wird, in einer persönlichen Weinreise um die Welt erfahren. Neben Europa sind auch die überseeischen Regionen mit ihren typischen aber dennoch hierzulande wenig bekannten Produkten beschrieben. Ein Beispiel, bei dem der Rezensent sich gleich fest gelesen und eine veritable Neugier entwickelt hat: Ein süßer, dem Portwein ähnlicher, fast tiefschwarz und oftmals mit hundertjährigen Stammweinen komponierter mit einem üppigen, sinnlichen Geschmacksspektrum erscheinender  „Liqueur Muscat“, aus dem Gebiet Rutherglan in Australien. Kenner zahlen für ausgesuchte Raritäten horrende Preise, wie Staudt zu berichten weiß.

Übrigens ein (Sach-) Buch, das man auch „schluckweise“ (pardon für den Kalauer) zu Rate ziehen kann, etwa, wenn man sich mal nur mit portugiesischem Wein beschäftigen will, vielleicht, weil ein Freund zu einer Party einen Douro mitgebracht hat. Was durchaus als Startsignal für eine neue Weinreise angesehen werden könnte. Dem Autor Dr. Wolfgang Staudt sei für dieses Buch in allen Weinsprachen dieser Welt zugeprostet. Mit welchem Wein? Lesen Sie in seinem Buch und Sie werden ganz sicher einen finden!

Westend Verlag Frankfurt am Main

ISBN 978-3-86489-057-7,€ 24,99  (D) , 25,70 (A)

Von Dr. Wolfgang Staudt sind ebenfalls im Westend Verlag www.westendverlag.de

Erschienen 50 deutsche Weine, die Sie kennen sollten (2010) und

50 einfache Dinge, die Sie über Wein wissen sollten

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